Von Norden nach Osten – unterwegs in der Finnmark

Von Norden nach Osten – unterwegs in der Finnmark

Es ist Anfang Mai und so langsam wird es wärmer. Wir haben auch das Gefühl, dass der Schnee weniger wird, aber hier oben ist es regional sehr unterschiedlich. Auf dem Weg nach Mehamn fahren wir wieder an hohen Schneewänden vorbei. Selbst der Telefonempfang ist für etwa 50 km komplett weg. Wenn man bedenkt, dass die gesamte Nordkinnhalbinsel erst im Jahr 1989 an das norwegische Straßennetz angeschlossen wurde, ist es auch gar nicht mehr so verwunderlich. Der weite Blick über die weiße Landschaft ist fantastisch. Nur gelegentlich kommen Fahrzeuge vorbei und meistens haben diese ein Schneemobil auf dem Anhänger. Wir entdecken sogar ein paar Langläufer. Eigentlich dachten wir schon, dass diese Saison für uns vorbei ist.

Schnee Nordkinnhalbinsel
Rastplatz Nordkinnhalbinsel

Mehamn liegt an der Küste der Barentssee in der Kommune Finnmark und hat nicht einmal 700 Einwohner. Es ist die nördlichste Anlaufstelle der traditionellen Postschifflinie Hurtigruten. Außerdem führt von hier aus eine Wanderroute an den nördlichsten Festlandpunkt Europas, nach Kinnarodden. Das Nordkap ist zwar der nördlichste auf Straßen erreichbare Punkt in Europa, liegt allerdings auf der Insel Magerøya. Eine Beschreibung am Beginn der Route zeigt uns den genauen Verlauf. Die einfache Strecke hat eine Länge von etwa 25 km und erfordert eigentlich eine Wanderung über zwei Tage. Wir wollen es allerdings an einem Tag schaffen, weil wir hoffen mit den Langlaufski etwas schneller voranzukommen. Deshalb geht es auch mit Ski los, um die Gegend zu erkunden. Es ist recht hügelig und immer wieder sehen wir eine Herde Rentiere und einige Füchse. Die Landschaft ist traumhaft schön. Und tatsächlich, mit den Langlaufski sind wir relativ schnell. Nach etwa 5 km drehen wir um und sind nach knapp 2 Stunden wieder zurück. Ab etwa der Hälfte des Weges sollen die Gegebenheiten allerdings schwieriger werden, aber wir wollen es in den nächsten Tagen trotzdem probieren.

Für die Nacht haben wir einen tollen Platz mit einer wunderschönen Aussicht auf den Ort und das Wasser gefunden. Hier ist auch historisch Einiges zu entdecken, denn hier sind noch Ruinen einer Anlage des „Atlantikwalls“ zu finden. Auf einer Tafel wird die Geschichte kurz erzählt: Nach dem Rückzugsbefehl für die deutschen Truppen wurde die Anlage Ende 1944 gesprengt und der ganze Ort niedergebrannt. Ein Teil der Bevölkerung von Mehamn konnte sich währenddessen in die Berge flüchten. Zwei Familien, mit insgesamt 12 Personen, ließen sich nach ihrer Rückkehr in einem der Bunker nieder. Sie hatten es geschafft, zwei Ziegen zu retten, um für die Kleinkinder Milch zu haben. Wegen gefährlicher Minen mussten jedoch die Ziegen und auch die Kinder festgebunden werden. An einem Tag hörte man eine kräftige Explosion in der Nähe des Bunkers. Man befürchtete erst, dass eines der Kinder sich losgerissen hatte und auf eine Mine getreten war. Glück im Unglück war, dass es „nur“ eine der Ziegen getroffen hatte.

Sonnenuntergang - Mehavn kystfort

Weil das Wetter am nächsten Tag nicht ganz so gut ist, fahren wir nach Gamvik. Von dort aus sind es nur etwa 3 km bis zum nördlichsten Festlandleuchtturm Europas, dem Slettnes Fyr. Er ist 39 Meter hoch und sein Licht leuchtete im Jahr 1905 das erste Mal. Aber auch der Leuchtturm wurde, wie so Vieles im Zweiten Weltkrieg, im Zuge des Rückzuges 1944 vollständig zerstört, aber schon 4 Jahre später wieder aufgebaut. Ein paar Schilder weisen darauf hin, dass hier auch Besichtigungen möglich sind, aber leider ist hier niemand anzutreffen. Das Camp bzw. der Campingplatz scheint auch schon länger geschlossen zu sein. Also erkunden wir die Umgebung wieder auf eigene Faust. Die Wanderwege in dem Naturreservat sind sehr interessant, überall wurden Informationsschilder zur Geschichte und den dort vorkommenden Pflanzen- und Tierarten aufgestellt. In Slettnes brüten sehr viele Vögel und man kann hier die größte Kolonie von Schmarotzerraubmöwen beobachten. Allerdings erreicht die Durchschnittstemperatur hier in keinem Monat einen Wert über 10°C. Wir finden auch ein kleines Häuschen mit Ofen und Stühlen, das für Ornithologen aufgestellt wurde. Von dort genießen wir die tolle Aussicht auf das Meer und den Leuchtturm.

Slettnes Fyr
Slettnes Fyr - Nacht
Hütte Ornithologen

Als das Wetter wieder besser wird, fahren wir zurück nach Mehamn und wollen die Tour nach Kinnarodden starten. Wir parken am Flughafen und machen sicherheitshalber einen Zettel ins Fenster auf dem steht, dass wir wandern sind und unserer Telefonnummer. Wir haben uns vorgenommen höchstens 6 Stunden zu gehen und dann umzudrehen, sollten wir Kinnarodden nicht erreicht haben. Glücklicherweise brauchen wir uns keine Gedanken mehr darüber machen, dass es dunkel wird. Wir schnallen uns die Ski erst einmal an den Rucksack und wandern los. Nach etwa 500 m wechseln wir dann aber doch schon auf Ski, weil es sich auf dem Schnee, der nun stark taut, mit Schuhen schwierig geht. Wir nutzen die Strecke von vor zwei Tagen und kommen gut voran. Ein paar Rentiere kreuzen unseren Weg und die Sonne macht es zu einem herrlichen Ausflug. Als wir etwa ein Viertel des Weges geschafft haben müssten wir einen Fluss kreuzen und in einem Tal weitergehen. Der Fluss ist an einigen Stellen bereits unter dem Schnee zu sehen, aber es ist nicht ganz klar, ob wir sicher drüber kommen. Auch in dem Tal scheint es nicht so ungefährlich zu sein, denn der Überhang des Schnees an einer Steilwand droht abzubrechen. Weil wir keinen wirklich sicheren Weg finden, drehen wir lieber um und üben ein bisschen die Abfahrt. Wir sind etwas geknickt, weil auch diese Wanderung nicht so geklappt hat wie wir es uns vorgestellt haben.

Weg nach Kinnarodden - Blick auf Mehamn

Wir fahren zurück auf den Parkplatz und wollen gerade mit den Vorbereitungen für das Abendessen anfangen, als wir sehen, dass die Polizei den Weg hinaufgefahren kommt. Wir bleiben schon mal draußen und begrüßen sie ganz nett. Erst einmal werden wir nach unseren Pässen gefragt und warum wir hier sind. Wir können schnell alles klären. Wegen der gespeicherten GPS-Tracks können wir auch genau zeigen welche Strecken wir wann gefahren sind. Die beiden sind wieder sehr nett. Es ist ein Polizist der zusammen mit einem Ranger des Naturreservats einen großen Bereich kontrolliert. Anscheinend kommt es hier öfter zu Wilderei (Vögel/Rentiere) und Anwohner konnten uns nicht so richtig einordnen. Sie erzählten uns sogar, dass einige meinten unser Fahrzeug im letzten Jahr schon hier gesehen zu haben, aber das ist ja nicht möglich – vielleicht ein Doppelgänger von Peppi? Es wäre schön ihn mal zu treffen

Der Polizist erklärt auch, dass er keine Durchsuchungserlaubnis für das Fahrzeug hat, deshalb bieten wir ihm an sich das Fahrzeug auch ohne anzuschauen. Der Ranger lässt sich daraufhin alles von Christopher zeigen. Beide sind sehr interessiert und wir reden viel über die Natur im Norden. Dieser Winter ist anscheinend viel schneereicher als in den letzten Jahren, weshalb viele Rentiere nicht über den Winter gekommen sind. Als wir von unserer heutigen Wanderung erzählen, sagen sie uns, dass es gerade viel zu gefährlich ist und wir noch mindestens 3 Wochen warten müssen bis es wieder sicher ist. Normalerweise wäre zu dieser Zeit nicht mehr so viel Schnee, aber in diesem Jahr ist auch vieles anders.

Nach dem netten Gespräch machen sich die beiden wieder auf den Weg und erklären noch, dass sie einen Bericht über uns schreiben werden, damit nicht wieder solche Unannehmlichkeiten vorkommen. Aber bei so netten Menschen ist es ja nicht weiter schlimm

Nicht ganz eine halbe Stunde nachdem die beiden weg sind, klopft es wieder am Bus. Ein Mann und eine Frau stehen draußen und fragen, ob wir Zeit zum Reden haben. Mit so vielen Menschen können wir gar nicht mehr richtig umgehen. Er erklärt, dass sie beide von der Kommune kommen und die Pandemie-Beauftragten sind. Wir erzählen von unseren eigentlichen Plänen und sprechen über die allgemeinen Regeln in dieser Situation. Auch sie sind wieder sehr nett und fragen uns, ob wir noch irgendwas brauchen. Später am Abend kommt er mit einem orangen Mercedes 911 Kurzhauber und seinem Hund für einen Spaziergang nochmal vorbei. Trotz der Situation sind hier alle Menschen sehr nett zu uns.

Wir wollen weiter in östliche Richtung und müssen deshalb auf die andere Seite des Flusses Tana. Unsere Navigation schickt uns einen unbefestigten Weg entlang, was nicht unbedingt schlimm ist. Allerdings scheint dieser Weg jedoch nur im Winter genutzt zu werden bzw. kann nur im Winter genutzt werden. Das Eis ist hier schon an vielen Stellen geschmolzen und weil die Wassertiefe und der Untergrund nicht zu erkennen sind, suchen wir uns einen anderen Weg. Dieser führt uns weiter südlich den Fluss entlang und schließlich über die Brücke in Tana bru. Diese ist die einzige in Norwegen liegende Brücke die über diesen Fluss führt. Zurzeit wird hier wird eine neue Brücke und ein großer Rastplatz gebaut.

Tana Ice-Road
Tana Ice-Road geschlossen

Nach einigen weiteren Kilometern haben wir keine Lust mehr und stellen uns auf einen größeren Rastplatz am Straßenrand kurz vor Nesseby. Weil die Straßen hier nicht so stark befahren sind, ist das kein Problem. Von hier aus wollen wir weiter bis nach Vardø fahren. Am Morgen genießen wir den tollen Blick aufs Wasser und entdecken plötzlich wieder kleine Wale. Wir können uns gar nicht vorstellen, dass der Tag noch besser werden kann. Auf dem Weg halten wir an einem anderen Rastplatz, um Müll zu entsorgen. Als wir gerade wieder los wollen, sehen wir, dass die Polizei kommt. Wir machen den Motor wieder aus, weil wir uns schon denken können, dass sie wegen uns da sind. Und so ist es auch. Wir werden sofort nett begrüßt und die Polizistin sagt gleich: „Wow, what a fancy vehicle“. Wir fangen an unsere Geschichte zu erzählen und Christopher holt die Pässe. Wir wirken anscheinend schon sehr routiniert darin, weshalb sie uns fragt, ob wir schon mal kontrolliert wurden. Es ist ein sehr lustiges Gespräch über unsere Erfahrungen in Norwegen und die tolle Natur in der Finnmark. Der andere Polizist prüft kurz unsere Daten und kommt schnell wieder zurück, weil wir mittlerweile wohl registriert sind und damit alles ok ist. Er erklärt nur, dass sich die Menschen in dieser komischen Zeit etwas unsicher sind und deshalb auf Nummer sicher gehen wollen.

Der weitere Weg nach Vardø führt durch eine weite Landschaft. Am Ufer sitzen immer wieder Seeadler, ein richtiges Paradies zur Vogelbeobachtung. Um in die Stadt zu kommen müssen wir durch den Vardøtunnel. Dieser war der erste norwegische Unterwassertunnel und ist an der tiefsten Stelle 88 Meter unter dem Meeresspiegel. Der kleinen Fischerort wirkt etwas verschlafen, aber wahnsinnig gemütlich. Der Weg zu einem Platz an einem Leuchtturm ist leider noch nicht frei von Schnee, also fahren wir auf den kleineren Teil der Insel. Dort ist ein Aussichtspunkt zur Vogelbeobachtung und die Insel Hornøy. Die zahlreichen und verschiedenen Vögel versammeln sich hier gerade zur Futtersuche und auch ein paar Robben können wir entdecken. Die vielen Möwen machen ihnen das Leben allerdings manchmal etwas schwer. Ein Ornithologe beobachtet mit seinem Fernglas die Vogelansammlungen und Christopher versucht diese mit der Kamera festzuhalten, als plötzlich beide ganz aufgeregt sind. Sie schauen sich an und nicken einander zu, sie haben beide diese große Schwanzflosse gesehen. Es sind mehrere Buckelwale die nun immer dichter kommen. Ein weiterer Ornithologe des örtlichen Vereins kommt dazu und erklärt uns, dass sich zurzeit 3 Buckelwale hier herumtreiben. Eine bestimmte Art von Fischen kommt zu dieser Zeit hierher und legt Eier. Die alten Tiere sterben dann und dienen den Vögeln, Robben und Walen als Nahrung. Der Mann aus Ornithologen-Verein erklärt uns noch einiges über die hier vorkommenden Arten und schenkt uns schließlich einen Aufnäher des Vereins. Wir freuen uns sehr und merken gar nicht wie die Zeit vergeht.

Die Sichtung der Buckelwale hat sich anscheinend schnell im Ort herumgesprochen, weshalb immer wieder Autos bis an die Wasserkante vorfahren und Bilder machen. Es ist ein fantastisches Schauspiel. Später am Abend wird es dann ruhiger und weil es nicht mehr dunkel wird genießen wir die Aussicht noch bis tief in die Nacht.

Stellplatz Vardø
Vardø - Blick auf Hornøy
Ornithologen-Patch
Vardø - Buckelwal

Außer der Vögel gibt es in Vardø noch viel mehr zu entdecken. Deshalb machen wir eine Wanderung durch den Ort. Vor ein paar Jahren fand hier ein Streetart-Festival statt und die Werke sind noch immer überall in der Stadt zu finden. Einige wurden zwar bereits übermalt oder die Gebäude abgerissen, aber wir können trotzdem noch viel große und kleine Kunst entdecken. Wir gehen als erstes den Weg zum Leuchtturm und kommen an einer alten achteckigen Festung vorbei, die die nördlichste Festung der Welt ist. Leider sind die Gebäude noch geschlossen und wir können und nur außen ein wenig umsehen. Hier wurde trotz der deutschen Besetzung durch Roald Rye Running immer wieder die norwegische Fahne gehisst, woran auf einer Gedenktafel erinnert wird.

Vardøhus festning
Vardø Streetart
Vardø Streetart

Auf dem weiteren Weg kommen wir an einem neueren Kunstobjekt namens Drakkar-Leviathan vorbei. Diese Konstruktion, die an ein Schiff und ein Wahlgerippe erinnert, wurde erst 2016 von einer Künstlergruppe erbaut und soll die Geschichte der Arktis, der Natur und deren Menschen erzählen.

Drakkar-Leviathan

Auf dem Rückweg wollen wir zum Mahnmal für die Opfer der Hexenverbrennungen Steilneset. Das aus 2 Gebäuden bestehende Mahnmal wurde 2011 eingeweiht. Im 17. Jahrhundert gab es in der Finnmark besonders viele Anklagen und überdurchschnittlich viele Hinrichtungen, wobei mehr als 100 Männer und Frauen in Vardø verbrannt wurden. Es ist eine beeindruckende Holz-Segeltuch-Konstruktion und erinnert an die traditionellen Frischtrockengestelle. Hinter der schlichten Eingangstür liegt ein sehr dunkler Raum in dem mit 91 kleinen Fenster mit leuchtenden Lampen an 91 Opfer erinnert wird. Neben den Fenstern hängen Texte die auf Gerichtsprotokollen basieren und die Umstände der Beschuldigungen und Hinrichtungen erklären. Es ist zwar auf Norwegisch, aber am Eingang konnten wir uns ein kleines Heft mit den englischen Texten dazu mitnehmen. Irgendwie ist es sehr bedrückend, aber auch schön.

Das zweite Gebäude besteht aus dunklen Glasplatten und Stahlträgern und ist kein geschlossener Raum. In der Mitte steht ein Stuhl aus dem Flammen kommen, die durch den Wind hin und her tanzen, in einem angedeuteten Scheiterhaufen. Durch die 7 ovalen, an der Decke hängenden Spiegel kann man den Stuhl und auch sich selbst aus verschiedenen Perspektiven sehen, was etwas beklemmend ist.

Mahnmal Hexenverbrennung - außen
Mahnmal Hexenverbrennung - innen
Mahnmal Hexenverbrennung - Licht
Mahnmal Hexenverbrennung - Stuhl

Am Abend lassen wir diese vielen Eindrücke noch etwas wirken und schauen den Buckelwalen wieder vom Bett aus zu.

Nun sind wir vom nördlichsten zum östlichsten Punkt Norwegens gefahren und auch wenn Vardø östlicher liegt als Sankt Petersburg und Istanbul, hoffen wir, dass es noch nicht der östlichste Punkt unserer Reise ist.

Mitternachtssonne Vardø
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